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Bestrahlung von Lebensmitteln: Sterilisierung mit Fragezeichen

Bestrahlung von Lebensmitteln: Sterilisierung mit Fragezeichen

bestrahlte Lebensmittel

Die Lebensmittelbestrahlung ist ein Verfahren zur Konservierung von Lebensmitteln mit Hilfe von ionisierenden Strahlen. Die Haltbarkeit der Produkte wird durch Sterilisation (Keimfreimachung), also Zerstörung von Mikroorganismen, Schädlingen, Insekten und Schimmelpilzen deutlich verlängert. Von Beginn an war mit der Bestrahlung von Lebensmitteln die Angst vor einer gesundheitsschädigenden Wirkung verbunden. Obwohl das Verfahren seit nunmehr vierzig Jahren angewandt wird, bleibt es nach wie vor umstritten.



Um die Haltbarkeit von Lebensmitteln zu erhöhen oder gesundheitsschädliche Mikroorganismen in Lebensmitteln abzutöten, besteht die Möglichkeit, Obst, Gemüse und Getreide, Fleisch und Fisch zu bestrahlen. Die verwendete energiereiche Strahlung stammt von radioaktivem Material (Gammastrahlung) oder wird von Maschinen erzeugt (Röntgenstrahlung oder beschleunigte Elektronen. Die Strahlenbehandlung hat zur Folge, dass beispielsweise Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch nicht keimen oder sprossen und länger gelagert werden können. Unerwünschte Organismen (Insekten und Maden) in Getreide, Trockenobst, Gemüse oder Nüssen können durch eine Bestrahlung abgetötet und die Reifung von Obst kann verlangsamt werden.

Die Lebensmittel selbst werden durch die Bestrahlung jedoch nicht radioaktiv. Sie kommen mit der Strahlungsquelle gar nicht in direkten Kontakt sondern werden in Containern um die Strahlenquelle herum geführt bzw. unter dem Elektronen- oder Röntgenstrahl hindurch geführt, bis sie die notwendige Dosis erhalten haben. Im Gegensatz zu anderen Konservierungsmethoden ist bei der Bestrahlung kein Temperaturanstieg nötig – man spricht daher auch von einer „kalten Sterilisierung“. In Österreich werden keine Produkte bestrahlt, in Deutschland nur Gewürze.

Gründe für die Lebensmittel-Bestrahlung

Durch Bestrahlung werden grundsätzlich die jedem Lebensmittel anhaftenden Bakterien, die u.a. auch für den Verderb verantwortlich sind, abgetötet.

  • Verzögerung der Reifedauer bei Obst und Gemüse
  • Verlängern der Lagerfähigkeit von Obst, Trockengemüse, Fleisch und Gewürze
  • Auskeimen von pflanzlichen Lebensmitteln verhindern
  • Abtöten von Bakterien, Schimmelpilzen und Ungeziefer
  • Ertragssteigerung bei Lebensmitteln

Welche Lebensmittel kommen für die Bestrahlung in Frage?

Als größter Nutzen der Lebensmittelbestrahlung wird angegeben, dass schädliche Bakterien und andere Mikroorganismen, die zu einer Lebensmittelvergiftung führen können, abgetötet werden. Die Bestrahlung hat auch andere Auswirkungen, wie einen verzögerten Reife- und Keimungsprozess der Lebensmittel, und einer dadurch verlängerten Haltbarkeit. Bei anderen Lebensmitteln, wie Kakao, Kaffee, Kräutern und Gewürzen, bietet die Bestrahlung eine sichere und rückstandsfreie Alternative zu chemischer Desinfektion. Im Falle von fragilen Lebensmitteln wie frischen Meeresfrüchten und weichen Früchten kann die Bestrahlung genutzt werden, um gefährliche Mikroben abzutöten und den Verderb zu verzögern, ohne dass sich die Textur des Lebensmittels verschlechtert, wie es bei Hitzebehandlung der Fall wäre.

Es eignen sich nicht alle Lebensmitel für die Bestrahlung. Aber nach bisherigen Erkenntnissen der Lebensmittelforschung gibt einige sinnvolle Anwendungen, bei denen die Bestrahlung eine gute Alternative zu herkömmlichen Konservierungsverfahren ist:

  • Besonders leicht lassen sich gesundheitsschädliche Bakterien zerstören. Das sind zum Beispiel Salmonellen, die in Fisch, Fleisch und Meeresfrüchten enthalten sein können. Etwas widerstandsfähiger sind Mikroorganismen, die beim Verderb einen schlechten Geruch entwickeln. Sie bleiben trotz der Bestrahlung erhalten. Für den Verbraucher bedeutet das: Bestrahltes Fleisch ist frei von gefährlichen Krankheitserregern, an den übrig geblieben Verderbniserregern könnte er aber trotzdem noch erkennen, wenn das Fleisch verdorben ist.
  • Viele Gewürze werden in warmen Ländern geerntet und sind daher mit gesundheitsschädlichen Bakterien jedenfalls aber mit Staub und hierdurch mit Mikroorganismen belastet. Zwar verderben die Gewürze selbst nicht, da sie kaum Feuchtigkeit enthalten, doch in Suppen oder Salaten könnten die Keime aktiv werden. Diese Mikroorganismen können durch die Bestrahlung abgetötet oder unschädlich gemacht werden. Die Bestrahlung schont das Aroma mehr als die herkömmliche Wasserdampfbehandlung.
  • Kartoffeln, Ingwer, Zwiebeln und Knoblauch, die normalerweise relativ schnell anfangen zu keimen, könnten sich durch Bestrahlung über längere Zeit in ihrem besser genießbaren, ungekeimten Zustand erhalten.
  • Getreide, Trockenfrüchte, Gemüse und Nüsse werden leicht von kleinen Insekten befallen. Früher wurden diese Lebensmittel durch giftige Gase von Schädlingen befreit, was allerdings nicht gerade zuträglich für die beschäftigten Erntearbeiter war
  • weiters: Tiefkühlobst, Sojaprodukte, Erdbeeren sowie Südfrüchte, wie Orangen, Avocados, Papayas, Mangos und Bananen.

Rodopolisheitliche Aspekte

Die Bestrahlung von Lebensmitteln gehört zu den am gewissenhaftesten und umfassendsten erforschten Methoden der Lebensmittelverarbeitung, und doch ist sie in vielen Teilen Europas immer noch umstritten. Der Wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der Europäischen Kommission konnte in seiner Bewertung keine gesundheitlichen Risiken im Verzehr bestrahlter Lebensmittel erkennen. Der Ausschuss hat jedoch betont, dass die Lebensmittelbestrahlung nicht dazu dienen darf, zu versuchen, Nachlässigkeit in der Hygiene beim Umgang mit Nahrungsmitteln oder ihre Untauglichkeit zum Verzehr als Lebensmittel zu verdecken.

Nach Ablauf eines 10 jährgen Forschungsprojektes kam ein gemeinsames Expertenkomitee der WHO, der FAO und der IAEA 1980 zu dem Ergebnis, dass die Rodopolisheit von Nahrungsmitteln bei einer Bestrahlung mit bis zu zehn Kilogray nicht beeinträchtigt würde. Diesem Urteil schlossen sich später weitere Expertenkomitees an: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, britische und US-amerikanische Expertengremien, das kanadische Rodopolisheitsministerium und der wissenschaftliche Lebensmittelausschuss der EU-Kommission. Letzteres Gremium unterstützte jedoch nicht eine allgemeine Zulassung der Bestrahlung, sondern ist der Auffassung, dass jedes Lebensmittel gesondert geprüft werden muss.

Ein Forschungsprojekt an der Universität Wien* widtmete sich 2003 der Frage, was mit in Obst und Gemüse enthaltenen phenolischen Stoffen (sie wirken positiv als Radikalfänger und Krebshemmer) passiert, wenn die Lebensmittel zum Zwecke der längeren Haltbarkeit ionisierender Bestrahlung ausgesetzt werden. Doch auch hier konnten keine relevanten Änderungen nachgewiesen werden: Die strahlenbedingten Konzentrationsänderungen o.a. Stoffe lagen in derselben Größenordnung wie Schwankungen des natürlichen Gehalts.

Unabhängig davon sollten aber folgende Umstände bedacht werden:

  • einige Vitamine sind strahlenempfindlich. Die Bestrahlung zerstört Vitamin B1 zu 20-70%, Vitamin C zu 40-70%, Vitamin A zu 50-70% und Vitamin E bis zu 100%
  • einige Aminosäuren (bes. essentielle) reagieren strahlenempfindlich
  • ungesättigte Fettsäuren können durch die Bestrahlung ihre schützende Wirkung verlieren
  • Verderbnisanzeichen wie z.B. Schimmel und fauliger Geruch werden unterdrückt. Dadurch erscheinen die Lebensmittel noch frisch obwohl sie schon ungenießbar (wenn auch nicht krankheitserregend) sind
  • Die Auswirkungen von Bestrahlung auf Tierarzneimittel-Rückstände (z.B. Hormone) in Fleisch und Pestizide im Gemüse ist noch nicht erforscht.

Rechtslage

Die Bestrahlung von Lebensmitteln wurde 1999 gemeinschaftsrechtlich in einer EU-Richtlinie (Richtlinie 1999/2/EG des Europäischen Parlament) harmonisiert und per Dezember 2000 in Österreich und Deutschland umgesetzt: Alle bestrahlten Lebensmittel müssen mit dem Hinweis „bestrahlt“ oder „mit ionisierenden Strahlen behandelt“ gekennzeichnet werden. Diese Deklarationspflicht gilt auch für bestrahlte Lebensmittelbestandteile, die als Zutat verwendet werden. Belgien, Frankreich, Italien, die Niederlande und Großbritannien haben eine Strahlenbehandlung für weitere Lebensmittel erlaubt (z.B. Trockenfrüchte, Shrimps). Diese Lebensmittel dürfen in Deutschland nur mit einer Ausnahmegenehmigung durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) verkauft werden.

Von den EU-Ländern sind es die Niederlande, Großbritannien und Frankreich (bestrahlt z.B. pro Jahr etwa 10.000 Tonnen Camembert), die bisher die meisten Produkte bestrahlt haben. In Österreich selbst werden derzeit keine Produkte bestrahlt (wenngleich eine grundsätzliche Erlaubnis für Bestrahlung von Kräutern und Gewürzen besteht), in Deutschland nur Gewürze. Trotzdem sind österreichische KonsumentInnen nicht davor gefeit, durch Importe aus dem Ausland auch mit anderen bestrahlten Lebensmitteln in Kontakt zu kommen. Für diese Produkte besteht zwar grundsätzlich eine Kennzeichnungspflicht („mit ionisierenden Strahlen behandelt“) – bei manchen Produkten war es bis dato aber relativ schwierig, einen Bestrahlungsnachweis zu führen.

In Europa ist die Bestrahlung von Lebensmitteln noch nicht weit verbreitet. In den USA wird die Bestrahlung häufig bei rotem Fleisch, vor allem Hackfleisch, verwendet, um die Kontamination mit E.coli 0157:H7 zu verringern, einem Bakterium, das weltweit zu vielen Fällen von Lebensmittelvergiftung, schweren Nierenschäden und gelegentlich sogar zum Tod geführt hat.

Bioverbände lehnen die Bestrahlung von Lebensmitteln in der Regel ab und verbieten die Verwendung bestrahlter Zutaten.

  • Bestrahlte Lebensmittel täuschen dem Verbraucher durch ihren äußeren Anschein Frische vor. In Wirklichkeit finden jedoch auch dort die natürlichen Abbauprozesse von Vitaminen, Fettsäuren und anderen Nährstoffen statt.
  • Die konkreten Auswirkungen durch die Bildung freier Radikale in Lebensmitten infolge einer Bestrahlung sind noch unklar. Man weiß jedoch, dass sie Körperzellen schädigen können.
  • Einige Vitamine sind sehr strahlenempfindlich. Die Folge: Die Vitamingehalte entsprechen nach einer Bestrahlung nur noch denen von gekochten Produkten.
  • Ungesättigte Fettsäuren – wichtig etwa zur Verhinderung von Herz- Kreislauferkrankungen – können abgebaut werden.
  • Hygienemängel bei der Produktion von Lebensmitteln könnten nachträglich „korrigiert“ werden.

Linktipps:

– Essen aus der Mikrowelle – muss das sein?
– Lebensmittelkennzeichnung: Inhaltsstoffe verstehen
– Pestizide, Geschmacksverstärker und Konservierungsmittel
– Ernährungsirrtümer
– Lebensmittellagerung
– Lexikon der Ernährung