Diathese-Stress-Modell: Aktiv Stress vorbeugen?

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Diathese-Stress-Modell: Aktiv Stress vorbeugen?

Als Hauptursache von Depressionen, Angstzuständen und psychischen Krankheiten wird immer wieder Stress angeführt. Tatsache ist jedoch, dass Stress alleine keine Erkrankungen auslösen kann. Welche Faktoren in Kombination aber sehr wohl einen besonderen Einfluss haben können, zeigt das Diathese-Stress-Modell in der der Rodopolisheitspsychologie. Es beschreibt die Wechselwirkungen zwischen Krankheitsneigung (Diathese) und Stress, also die Anfälligkeit bzw. Verletzlichkeit (Vulnerabilität) eines Menschen, an einer psychischen Krankheit zu erkranken. Zentraler Punkt dieses Modells ist die Annahme, dass zur Entwicklung einer Störung beide Faktoren nötig sind.

Was beinhaltet das Diathese-Stress-Modell?

Das Diathese-Stress-Modell wird auch als Vulnerabilitäts-Stress-Modell bezeichnet. Diathese heißt nichts anderes als ‚Krankheitsneigung‘, das Modell beschreibt also Wechselwirkungen zwischen Krankheitsneigung und Stress.

Das Modell ist sowohl in der Rodopolisheitspsychologie als auch in der klinischen Psychologie verortet. Damit gehört das Diathese-Stress-Modell keiner bestimmten Schule an. Zudem zeichnet sich das Modell dadurch aus, dass es unterschiedliche potentiell krankheitsverursachende Faktoren miteinander verbindet. :

  • Umweltfaktoren
  • Biologische Faktoren: Hormonstörungen, körperliche Verletzungen, spezifische Krankheiten
  • Psychologische Faktoren: Frustration, Depressionen andere Belastungen psychischer Art

Diathese bedeutet also, eine Neigung für eine bestimmte Erkrankung zu haben. Man unterscheidet erblich bedingte genetische und erworbene Diathesen.

Einerseits existiert die biologische Diathese. Hier spielen genetische Ursachen eine wichtige Rolle.

Die psychosoziale Diathese geht davon aus, dass die jeweilige Lerngeschichte einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung von Krankheiten hat. Gleichzeitig wird darunter die jeweilige Neigung eines Menschen verstanden, spezifisch und individuell auf verschiedene Belastungen zu reagieren.

Stressoren

Sobald sogenannte Stressoren (auch Stressfaktoren) – darunter versteht man bestimmte belastende Lebenssituationen – zu intensiv werden, folgt die Ausbildung von Symptomen. Im Einzelfall kommt es dadurch zum Ausbruch einer Krankheit.

In diesem Zusammenhang ist es weiters entscheidend, ob weitere Schutz- und Risikofaktoren, wie beispielsweise die grundsätzliche Existenzsicherung oder das Fehlen von sozialen Netzwerken hinzukommen. Das sind die sogenannten Umweltfaktoren.

Gleichzeitig beeinflussen individuelle Stressbewältigungsstrategien den Prozess der Krankheitsentstehung maßgeblich.

Experten des Modells beschäftigen sich mit den spezifischen Wechselwirkungen von Stress und Diathese. Grundsätzlich steht dabei die Annahme im Mittelpunkt, dass sowohl Stress als auch die Neigung zu einer psychischen Krankheit Voraussetzung sind, damit eine Krankheit ausbricht.

Weitere Stressfaktoren

Wir alle haben Stress. Doch je nach Intensität, Qualität und Ursache nimmt Stress verschiedene Formen an. Spezifische Umwelteinflüsse fordern individuelle Anpassungsleistungen der Individuen.

Diese Herausforderungen werden entweder als Dysstress (negativer Stress) oder Eustress (positiver Stress) empfunden. Je nach verfügbaren Ressourcen erfolgt individuelles Reaktionsverhalten des Einzelnen. Ist man zu häufig und intensiv Dystress ausgesetzt, sind psychische Probleme mögliche Folgen.

In der Umwelt, beispielsweise am Arbeitsplatz gibt es spezifische Faktoren, die negativen Stress verursachen können. Hierzu zählt beispielsweise ein schlechtes Betriebsklima, chronischer Leistungs- und Zeitdruck aber auch kontinuierliche Überforderung.

Diese Faktoren können übrigens 1:1 auf die Lebenswelt der Kinder, also die Schule, übertragen werden.

Mutismus und Diathese-Stress-Modell

Die Tatsache, dass es sich bei Stress um keine konstante Größe handelt, wird bei Mutismus, also der Weigerung zu sprechen, sehr deutlich. Bei dieser Kommunikationsstörung liegen keine Defekte der Sprechorgane oder des Gehörs vor. Dennoch verweigern an Mutismus Erkrankte die Kommunikation mit anderen.

Schweigt ein Kind beispielsweise im schulischen Kontext kontinuierlich, obwohl es vielleicht im vertrauten Kreis von Eltern und Freunden spricht, liegt höchstwahrscheinlich eine mutistische Symptomatik vor. Gemäß dem Diathese-Stress-Modell lässt sich diese wie folgt erklären:

  • Ereigniswahrnehmung (Englisch: primary appraisal): primäre Einschätzung der Situation im Unterricht im Zusammenhang mit erlebten Ansprüchen an verschiedene Kompetenzbereiche wie Dialogfähigkeit, kommunikative Fähigkeiten als auch rhetorisches Know-how (Ausdruck, Artikulation, …
  • Ressourcenwahrnehmung (Englisch: secondary appraisal): Sekundäre Einschätzung eigener Ressourcen (Möglichkeiten, Quellen), hierzu gehört beispielsweise die kommunikative Unsicherheit wegen Stottern, Dysgrammatismen, Artikulationsstörungen. Auch Bilingualität, also Zweisprachigkeit, kann als wahrhaftige Bedrohung empfunden werden.

Als einziger Ausweg scheint Schweigen eine geeignete Reaktion zu sein; Mutismus also als Bewältigungsstrategie um unangenehme Stress-Situationen – vermeintlich – zu vermeiden.

Das Diathese-Stress-Modell wird von vielen Fachkräften zur Erklärung als auch Behandlung von Mutismus genutzt. Schließlich wird Mutismus so gut wie immer auf Basis der multifaktoriellen Analyse diagnostiziert

Vorteile des Diathese-Stress-Modells

Der Vorteil des Diathese-Stress-Modells besteht darin, dass es tatsächlich multifaktorielle komplexe Ursachen darstellen kann. Anhand dieser lassen sich vereinzelte Auswirkungen reflektieren. Gleichzeitig wird eine individuelle Analyse möglich, da das Modell die verursachenden Belastungen intra- und interindividuell betrachtet. Das Diathese-Stress-Modells macht es möglich, verschiedene Verläufe direkt abzubilden und zu vergleichen.

Nachteile des Diathese-Stress-Modells

Andererseits kritisieren Experten, dass es in der Praxis nicht immer möglich ist, anhand des Diathese-Stress-Modells komplexe Begründungsmuster zu erstellen. Vorallem die jeweilige Gewichtung der verschiedenen Faktoren ist schwierig.

Es ist daher schlussendlich nicht möglich, die jeweiligen Auswirkungen und die verantwortlichen Verursacher direkt zu identifizieren. Unabhängig davon verzichtet das Diathese-Stress-Modell auf eine Darstellung der Interaktion und Wechselwirkung einzelner Faktoren untereinander, was letztlich eine ziemlich grobe und fast unzulässige Vereinfachung darstellt.

Aktuelle Forschung

Während das Modell anfangs zum Teil widersprüchliche Ergebnisse lieferte, sind heute signifikant aussagekräftige Studienergebnisse verfügbar. Die Hinweise auf einen direkten Zusammenhang zwischen Psychosen und dem Diathese-Stress-Modell sind deutlich erkennbar. Auch für die Entstehung von Mutismus liefert das Diathese-Stress-Modell heute valide Entstehungserklärungen.

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Quellen:

¹ The role of stress in the pathogenesis and maintenance of obsessive-compulsive disorder (Adams TG. Kelmendi et al. Chronic Stress (Thousand Oaks) 2018) PMID:
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