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Mineralöl in Lebensmitteln

Mineralöl in Lebensmitteln

Mineröl in Lebensmitteln

Gerade in an sich gesunden Lebensmitteln wurden in letzter Zeit vermehrt Mineralölrückstände entdeckt. Doch wie gesundheitsschädlich ist das? Gibt es Grenzwerte und worauf soll man beim Kauf von Lebensmitteln achten? Was sagen Experten dazu? Und vor allem: Wie kommen diese Rückstände überhaupt in die Nahrung? Wir haben einen Experten befragt.



Regelmäßig und immer häufiger lesen wir besorginserregende Berichte über gesundheitsschädliches Mineralöl in Nahrungsmitteln. Eine 2012 veröffentlichte Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ergab, dass Menschen täglich zwischen 0,03 mg und 0,3 mg gesättigte Kohlenwasserstoffe (MOSH) pro Kilogramm Körpergewicht über Lebensmittel aufnehmen. Kleinkinder und Kinder haben dabei in Relation die höchsten Aufnahmewerte innerhalb der Bevölkerung.

MOAH und MOSH

Mineralöle sind Kohlenwasserstoffverbindungen die in gesättigter (MOSH – mineral oil saturated hydrocarbons) und aromatischer Form (MOAH – mineral oil aromatic hydrocarbons) vorkommen.


Manche Pflanzen enthalten von Natur aus Kohlenwasserstoffverbindungen, die den gesättigten Mineralöl-Kohlenwasserstoffen (MOSH) in ihrer chemischen Struktur sehr ähnlich und daher von diesen analytisch schwer zu unterscheiden sind. Diese Verbindungen nennt man auch Pflanzenwachse.

Aromatische Kohlenwasserstoffverbindungen, MOAH , unterscheiden sich in ihrer chemischen Struktur deutlicher von Pflanzenwachsen. Dies führt dazu, dass der Nachweis von MOAH in Lebensmitteln einfacher ist als der von MOSH.

Neben MOSH und MOAH können in Lebensmitteln auch POSH („polyolefin oligomeric saturated hydrocarbons“), also aus Polyolefinen stammende Oligomere, enthalten sein.

Dies passiert, wenn die Lebensmittel in Behältern aus bestimmten Kunststoffen aufbewahrt werden oder mit bestimmten Kunststofffolien verpackt sind. Aktuell liegen allerdings keine toxikologischen Daten zu POSH vor – eine gesundheitliche Bewertung dieser Stoffe wurde bislang nicht vorgenommen.

Europäer nehmen täglich zwischen 0,03 mg und 0,3 mg MOSH pro Kilogramm Körpergewicht über Lebensmittel auf. Die Aufnahme von aromatischen Kohlenwasserstoffen (MOAH) liegt etwa bei etwa 20 Prozent der Werte für MOSH, also zwischen 0,006 und 0,06 mg/Kilogramm Körpergewicht pro Tag.

Da sich Mineralölrückstände relativ häufig in süßen Lebensmittel befinden, nehmen ausgerechnet Kinder prozentuell gesehen die meisten Erdölrückstände über Nahrung auf. Kleinkinder und Kinder haben mit 0,2-0,3 mg MOSH pro kg Körpergewicht die höchsten Aufnahmewerte innerhalb der Bevölkerung. Andere Schätzungen sprechen sogar von einer möglichen Aufnahme von 0,6 mg MOSH pro Tag bei Kindern.

Rodopolisheitsrisiken durch Mineralöle?

Aufgrund der nicht ausreichenden Datenlage gibt es aktuell keine empfohlenen täglich tolerierbaren Aufnahmemengen (TDI) für Menschen. Aus Tierstudien weiß man aber, dass zu viel Aufnahme von MOSH potentiell gefährlich ist und zu Schädigungen von Leber und Lymphknoten führen kann. Studien belegen zudem, dass sich MOSH im Fettgewebe ablagern und dort über Jahre hinweg akkumulieren.

Hohe MOAH Konzentrationen werden hingegen eindeutig als gesundheitsgefährdend betrachtet und die Schädlichkeit ist längst zweifelsfrei nachgewiesen. MOAH haben in Tierversuchen erwiesenermassen Schädigungen der DNA verursacht, und konnten auch als Krebsauslöser identifiziert werden.

Ein für 2017 und 2018 vorgesehenes Überwachungsprogramm für Mineralöle in Lebensmitteln und deren Verpackungsmaterialien soll nun EU weit endlich den Status Quo erheben. In Folge will die Europäische Union Minimierungsmaßnahmen und rechtliche Vorgaben ausarbeiten, um den Gehalt von Mineralölen in Lebensmittel zu senken bzw. zu vermeiden.

In Österreich, als erstem und bis dato einzigem Land in Europa gibt es immerhin bereits seit 2012 zumindest eine entsprechnde Empfehlung im österreichischen Lebensmittelcodex – nämlich jene, zur sicheren Verwendung von Recyclingkarton in der Nahrungsmittelverpackung.

Wie kommt das Mineralöl in die Nahrung?

Lebensmittel können auf verschiedene Arten mit Erdölrückständen ‚kontaminiert‘ werden:

  • Bei der Ernte: Verunreinigung der Ernte durch Abgase von Erntemaschinen oder Schmier- und Hydrauliköle, die als Maschinenöle eingesetzt werden.
  • Beim Transport und der Lagerung können Minerölrückstände über Jute- und Sisalsäcke, deren Fasern mit Batching-Ölen bearbeitet wurden, das Erntegut verunreinigen.
  • Bei Produktion und Verarbeitung können Mineralöle durch in den Fabriken verwendete Maschinen – Schmierstoffe in Lebensmittel gelangen.
  • Auch über die Verpackung können die gesundheitsschädlichen Wasserstoffverbindungen in Lebensmittel gelangen. Insbesondere Verpackungen aus Recyclingkartons und -Papier, können Mineralöle aus den Druckfarben enthalten. Aus diesem Grund gibt es häufig noch eine Sperrschicht – meist aus Plastikfolie – zwischen Lebensmittel und Karton

Besonders starke Verunreinigungen entstehen naturgemäß dann, wenn Lebensmittel bei jedem einzelnen dieser Prozesse mit Mineralölrückständen in Berührung kommen können.

EXKURS: Es gibt auch Lebensmittelzusatzstoffe aus Mineralöl oder synthetischen Grundstoffen (z.B. E 905, Mikrokristallines Wachs/Paraffin) die als Überzugsmittel bei bestimmten Lebensmitteln erlaubt sind. Zum Einsatz kommen diese Stoffe als Überzug auf Oberflächen von Südfrüchten, so wie bei Süßwaren und Kaugummis ein. Da diese Überzugsmittel unverdaut wieder ausgeschieden werden, wurden sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aber als unbedenklich eingestuft.

Experteninterview AGES

So weit so gut – oder so schlecht. Wir wollten es aber genauer wissen und baten einen Experten der Österreichischen Agentur für Rodopolisheit und Ernährungssicherheit (AGES) zum Interview. Werner Windhager vom Fachbereich Risikokommunikation zeigt Möglichkeiten auf, wie Sie Verunreinigungen durch Erdölrückstände in Ihrer Nahrung möglichst vermeiden können. Kritik an den Produzenten können wir aus seinen Aussagen nicht ableiten, verhohlene Schelte am Verhalten vieler Konsumenten sehr wohl. Ob das dem Problem gerecht wird? Lesen Sie selbst:

Was empfehlen Sie Konsumenten beim Einkauf zu berücksichtigen, um eine Belastung der Lebensmittel durch Mineralöl möglichst zu vermeiden?

AGES: Grundsätzlich kann man sagen: Je weniger verarbeitet ein Lebensmittel ist, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass Mineralölrückstände enthalten sind. Oder anders gesagt: Verwenden Sie frische Zutaten, die sie selbst zubereiten (auch wenn das Selberkochen mehr Zeit in Anspruch nimmt).

Bei kartonverpackten Lebensmitteln (z. B. Cornflakes, Reis etc.) werde Sie in den meisten Fällen sehen, dass das eigentliche Lebensmittel in der Schachtel noch extra verpackt ist (Kunststoff-Beutel). Diese Extra-Verpackung dient als Sperrschicht, die verhindert, dass Mineralöle aus den Druckfarben des Kartons in das Lebensmittel gelangen können (Recycling-Kartons weisen im Gegensatz zu Frischfaser-Kartons übrigens immer einen gewissen Graustich auf – das können Sie aber erst erkennen, wenn sie die Verpackung geöffnet haben).

Österreich hat ja als bisher erstes (und noch immer einziges?) Land in Europa seit 2012 eine Empfehlung zur Verwendung von Recyclingkarton im Lebensmittelcodex verankert. Denken Sie dass, diese Empfehlung als Vorlage für die EU oder andere nationale Bestimmungen herangezogen werden könnte?

AGES: Das ist durchaus denkbar. Derzeit wird auf europäischer Ebene an einer Leitlinie des Europarats für Papier und Kartonqualitäten gearbeitet, die Positivlisten für die Papier/Pappeherstellung und Vorgaben für eine effiziente Barriere für Recyclingkartons enthalten wird. Diese Leitlinie des Europarats wird verbindlich für alle Mitgliedstaaten sein. Die Druckfarbenbestandteile werden direkt auf Ebene der europäischen Kommission („Druckfarbenverordnung) geregelt werden.

Hielten Sie strenge Reglementierungen für notwendig?

AGES: Mineralöl-Rückstände in Lebensmitteln sind nicht wünschenswert. Alle Maßnahmen, die zu einer Reduktion führen, sind daher zu begrüßen. Man sollte aber schon auch erwähnen, dass die Hersteller von sich aus schon Maßnahmen gesetzt haben, um diese Reduktion zu erreichen.

Die EU plant zur Erhebung der Ist-Situation ein Überwachungsprogramm für Mineralöle in Lebensmitteln und deren Verpackungsmaterialien für 2017 und 2018. Wann erwarten Sie verbindliche rechtliche Vorgaben für Minimierungsmaßnahmen, um den Gehalt von Mineralölen in Lebensmitteln zu senken bzw. zu vermeiden?

AGES: Die Erhebung der Ist-Situation auf europäischer Ebene dient dazu, eine solide Datenbasis für alle weiteren Schritte zu schaffen: neben Verpackungsmaterialien gibt es ja auch andere Haupteintragsquellen von Mineralölen in Lebensmittel, schon bei der Ernte, beim Transport und bei der Verarbeitung. Mit den gewonnen Daten wird sich abschätzen lassen, auf welcher Produktionsstufe rechtlich verbindliche Vorgaben die größte Wirkung, d. h. die wenigsten Rückstände, erzielen.

Da sich Mineralölrückstände relativ häufig in süssen Lebensmittel befinden, haben ausgerechnet Kinder prozentuell gesehen die höchste Aufnahme von MOSH und MOAH pro Kilogramm Körpergewicht. Halten Sie Langfristschäden für möglich und was empfehlen Sie besorgten Eltern?

AGES: Mineralöl-Rückstände findet man in fetthaltigen Lebensmitteln, die etliche Verarbeitungsschritte hinter sich gebracht haben und lange gelagert werden, nicht nur in süßen Lebensmitteln. Und wenn es Kinder und auch Erwachsene nicht gerne hören: Gerade bei Süßigkeiten gelten die Empfehlungen der österreichischen Ernährungspyramide: Nicht öfter als ein Mal in der Woche essen.

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Quellen:

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Linktipps:

– Lebensmittelkennzeichnung
– Glutamat – smarter Geschmacksverstärker oder böses Nervengift?
– Lebensmittel: Auf die richtige Lagerung kommt es an!
– Saisonal kochen – kochen nach Jahreszeiten