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Polyamorie – Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen

Polyamorie – Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen

Polyamorie

Polyamorie, dieses Kunstwort, das sich aus dem griechischen „poly“ (viele) und dem lateinischen „amor“ (Liebe) zusammensetzt, taucht seit einigen Jahren regelmäßig in den Medien auf. Viele assozieren damit schlicht Gruppensex, dabei steht der Begriff für die Idee, zur gleichen Zeit mehrere Menschen zu lieben und mit ihnen Beziehungen leben zu können. Die möglichen Konstellationen sind dabei so vielfältig wie unsere Fantasie. Klingt kompliziert, ist es auch, denn die Grundfrage hinter diesem „Konzept“ lautet: Können wir mehrere Menschen gleichzeitig lieben und dabei alle Beteiligten ihr Glück finden?



Polyamore Beziehungen können in heterosexuellen genauso wie in homosexuellen Beziehungen in Form einer Haupt- und anderen Nebenpartnerschaften erfolgen oder aus vielen gleichwertigen Kontakten bestehen oder aber in einer gleichzeitigen, gemeinschaftlichen Mehrfachkonstellation.

Nach der jahrhundertelangen Praxis der arrangierten Ehen und der ‚Erfindung‘ der romantischen Liebe – beide Konzepte stark mit der Idee der Monogamie verknüpft, ist in den 1960er Jahren eine neue ‚Beziehungsidee‘ entstanden: warum soll man sich eigentlich für einen Menschen entscheidenden und kann nicht mehrere Menschen gleichzeitig lieben? Polyamorie oder Polyamory (beide Schreibweisen sind möglich) als Modell der Zukunft?

Seit wann gibt es Polyamorie

Der Begriff wurde zwar erst 2006 ins Wörterbuch übernommen, doch Tatsache ist, dass polyamore Konzepte wohl schon seit Jahrtausenden gelebt werden. Von den antiken Sagen, egal ob griechisch, römisch oder germanisch, über Film- und Literaturklassiker, wie z.B. Jules und Jim von François Truffaut oder ‚Sie kam und blieb‘ von Simon de Beauvoir, bis hin zu historisch belegten, tatsächlich gelebten polyamoren Beziehungen, wie z.B. Satre und de Beauvoir, oder auch Bertram Russell oder Bert Brecht, die sich explizit dazu bekannten – die Idee ist wahrlich nicht neu.

Zunächst wurde dieses neue Modell unter dem Oberbegriff ‚responsible non-monogamy‘ beschrieben und hat seinen Ursprung auch in der Hippiebewegung und der Idee der freien Liebe. Doch während es damals auch noch um gesellschaftspolitische Experimente und die Befreiung der Sexualität ging, hat das heutige polyamore Konzept in den nächsten Jahrzehnten eine Umdefinition erfahren.

Seit Anfang der 1990er Jahre – verstärkt durch die technischen Möglichkeit sich über elektronische Foren austauschen und gegenseitig unterstützen – verstehen sich polyamore Menschen als eine Gruppe von Menschen, die sich bewusst dazu entschieden haben, nicht-monogam zu leben.

Mitverstärkend für diesen Trend waren sicher auch starke gesellschaftliche Veränderungen. Patchwork – oder Regenbogenfamilien mit mehreren ‚Müttern‘ und ‚Vätern‘ sind heutzutage eher die Regel denn die Ausnahme, und das Bild der bösen Stiefmutter und des bösen Stiefvaters ist immer mehr einem liebevollen Bild des bunten Zusammenlebens gewichen.

Klar, nicht in allen Fällen klappt es, aber immer öfter klappt es immer besser, und das Stigma des ‚es-nicht-geschafft-habens‘ in einer Welt des ‚bis dass der Tod Euch scheidet‘ ist abgelöst worden von der gesellschaftlich anerkannten Idee der Lebensabschnittspartner.

Wie funktioniert ‚Vielliebe‘

Den oder die Partner ‚zu teilen‘, eine Art (Mit-)Freude zu erleben, wenn man den geliebten ‚Partner‘ auch glücklich in der Gegenwart eines anderen Menschen weiss – mit allem was dazu gehört -, ist das Lebensprinzip polyamorer Menschen.

Es geht hier nicht nur um ausgelebte Sexualität mit mehreren Partnern, sondern tatsächlich um ‚mehr‘. Im Gegensatz zu den ‚wilden‘ 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, der (sogenannten) freien Liebe, die aber sehr oft nur auf das Sexuelle reduziert war, ist das Ziel der Polyamorie das ’sich-aufeinander Einlassens‘, Nähe, Vertrautheit, aber auch Zärtlichkeit und Sex.

Es handelt sich also um mehrere parallele intime Beziehungen in jeder Hinsicht; es geht tatsächlich um ‚Liebe‘, um ein traditionelles Wort zu benutzen, aber eben zu mehr als einer Person.
Nach Christian Rüther, einem Wiener Experten für Polyamorie, definiert sie sich über vier essentielle Merkmale:

  • Ehrlichkeit/Transparenz
  • Gleichberechtigung/Konsens
  • Erotische Liebe mit mehr als einer Person über einen bestimmten Zeitraum hinweg
  • Langfristige Orientierung

Anders gesagt:

  • Polyamorie ist deklariert – es gibt kein „Betrügen“, weil alle Involvierten wissen, dass sie nicht das Einzig geliebte ‚Objekt der Begierde‘ sind.
  • Polyamorie unterscheidet sich von der Polygamie. Weder hat ein Mann viele Frauen, wie in der Polygynie, noch handelt es sich um das Prinzip der Polyandrie, auch als Vielmännerei bekannt, bei der eine Frau mehrere Ehemänner hat. Vielmehr lieben alle Beteiligten mehrere Personen.
  • Polyamorie ist nicht Swinging. Es geht eben nicht um sexuelle Abwechslung in einer bestehenden Zweier-Partnerschaft, sondern das Konzept der Zweierpartnerschaft wird in jeder Hinsicht abgelehnt – die sexuelle Komponente ist nur eine von vielen.
  • Polyamorie ist aber mehr als Freundschaft: Sex, Intimität, Fürsorge, Zärtlichkeit und Nähe sind essentielle Bestandteile polyamorer Beziehungen. Die Definition solcher Beziehungen erfolgt in erster Linie über Emotionalität. Es liegt die Idee zugrunde, dass (auch) romantische Liebe nicht auf einzelne Personen eingeschränkt werden muss.

Polyarmory: Spezielle Herausforderungen

Wer Freundschaften pflegt weiss, dass das mitunter auch anstrengend sein kann. Wer mehrere Menschen liebt, ist allerdings noch viel mehr gefordert. Polyamore Beziehungen erfordern erheblich mehr Energie, Aufmerksamkeit, Kommunikation und Kraft als sexuell-emotionale Zweierbeziehungen.

Polyamore Beziehungen bieten aber auch etwas – manchmal allerdings auch zwiespältig Erlebtes. So bieten sie mehr und gleichzeitig weniger Sicherheit als traditionelle Paarbeziehungen. Ich kann mich zwar nicht darauf verlassen, dass ein bestimmter Mensch mir emotional zur Seite steht, falls ich gerade Unterstützung brauche, andererseits habe ich mehrere Menschen zur Auswahl, an die mich wenden kann.

Polyamore Beziehungen sind also paradoxerweise zugleich sicherer und unsicherer als herkömmliche Zweierpartnerschafte. Sie bieten ausgleichende Vorteil gegenüber der traditionellen Zweisamkeit – vorausgesetzt, man hat das System tatsächlich internalisiert, hat ein gutes, gleichgesinntes Netzwerk, ist reflektiert und macht sich nichts vor. Denn eines ist klar: Eifersucht hat hier keinen Platz!

Keine Eifersucht!

„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“ .. wer kennt es nicht, dieses Sprichwort, und wer hat nicht schon zumindest einmal dieses Gefühl erlebt. Für den Begriff Eifersucht existieren zwar erst Belege seit dem 16. Jahrhundert – es ist aber mehr als unwahrscheinlich, dass es diese Emotion nicht auch schon vorher gab.

Allerdings hatte sie im umgangssprachlichen Gebrauch keinen Platz – die Menschheit war offenbar mit anderen Dingen befasst, und widmete der Eifersucht wenig Raum.

Heutzutage gehört diese schmerzhafte Emotion für die meisten Menschen einfach zum Leben dazu. Eifersucht beschreibt das Gefühl, das man bei nicht oder nicht ausreichender Anerkennung erlebt. Es geht um Aufmerksamkeit, Respekt oder Zuneigung, die man von einer anderen geschätzten Person erwartet.

Eine traditionelle Paarbeziehung basiert auf diesen Werten – und auf ‚erwiderter Liebe‘ – und zwar exklusiv! Bei Menschen, die polyamorös lieben gibt es dieses Exklusivitätsdenken nicht. Der Anspruch auf Zuneigung oder Liebe wird durch das Bekenntnis zur Nicht-Exklusivität eben nicht in Frage gestellt, die mit Eifersucht meist einhergehende Verlustangst ist in dieser Beziehungsform also komplett fehl am Platz.

Da Eifersucht nicht nur sexuell konnotiert ist, sondern auch durch das Empfinden einer Vertrautheit zwischen dem (einzig geliebten) Partner und einer dritten (oder vierten) Person Kränkung erzeugt, da sich die eifersüchtige Person ausgeschlossen fühlt, ist klar, dass in polyamoren Beziehung dieses Gefühl schlichtweg nicht existieren darf! Schließlich beruht Polyamorie genau auf dieser Nicht-Exklusivität.

Polyamorös liebende Menschen sehen sich aber nicht nur mit dieser Herausforderung konfrontiert. Neben gegenseitigem Verständnis, Ehrlichkeit und Vertrauen der Partner zueinander ist auch noch Mut gefragt. Es geht nicht nur um die Bereitschaft, sich auf mehrere Personen offen, ohne Vorbehalte, Exklusivitätsanspruch und Eifersucht einzulassen sowie um die Bereitschaft, mögliche Konflikte zeitnah anzusprechen und Auseinandersetzung gemeinsam zu meistern.

Es geht auch um den Mut, zu diesem Lebenskonzept zu stehen. Nicht immer reagiert die Umwelt verständnisvoll, wenn man mit wechselnden Partnern aufkreuzt, und nicht selten müssen polyamorös liebende Menschen sich rechtfertigen und haben Erklärungsbedarf.

Umgekehrt stoßen sie oft auf Unverständnis: wenn (vermeintlich) wohlmeinende Freude berichten, dass sie ‚deine Freundin mit einem anderen‘ gesehen haben, stößt eine gelassene Reaktion oft auf Unverständnis.

Unser Tipp im Fall des Falles: stehen Sie zu Ihrem Lebenskonzept! Je offener polyamore Menschen mit ihrem Beziehungsstatus umgehen, desto eher hat der Freundeskreis die Möglichkeit, sich dieser Thematik zu stellen und Verständnis auf zu bringen. Denn egal ob in Zweier- oder in polyamoren Beziehungen, egal ob in Freundschaften oder innerfamiliär: ein offenes Wort zur rechten Zeit kann viele Missverständnisse ersparen!
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Quellen:

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Linktipps:

– Eifersucht
– Weniger Stress in harmonischen Beziehungen
– Das Sexualverhalten der Österreicher
– Offene Beziehung