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Akustische Halluzinationen: Stimmenhören ist qualvoll

Akustische Halluzinationen: Stimmenhören ist qualvoll

Akustische Halluzinationen

Stimmenhören ist nicht unbedingt Zeichen einer psychischen Erkrankung



Fast jeder zehnte Mensch hört im Laufe seines Lebens Stimmen, die physikalisch nicht erklärbar sind. „Solche akustischen Halluzinationen treten zwar bei schizophrenen Psychosen häufig auf, sind aber nicht unbedingt ein Hinweis auf eine psychische Störung“, betont Univ.-Prof. Dr. Michaela Amering von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie. „Körperliche Erkrankungen, Schlafentzug und bestimmte Drogen können genauso akustische Halluzinationen verursachen.“

Tatsächlich werden akustische Halluzinationen heute von der Allgemeinheit ausschließlich als klassisches Symptom einer psychischen Krankheit begriffen, Betroffene werden diskriminiert und stigmatisiert, und öffentliche Berichterstattung sowie bestimmte Filme und Bücher tun das ihrige dazu, diesbezügliche Ängste zu schüren, wenn sie berichten oder suggerieren, dass Straftäter von Stimmen dazu getrieben wurden, Verbrechen zu begehen. „Dieses Phänomen der ‚imperativen Stimmen‘ gibt es zwar, aber es ist äußerst selten, und ich selbst habe in 35 Jahren psychiatrischer Tätigkeit noch nie persönlich mit einem derartigen Patienten zu tun gehabt“, sagt dazu Prof. Heinz Katschnig, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien.

Die Angst vor Stigmatisierung ist daher bei vielen Betroffenen größer als die Angst vor den inneren Stimmen: Menschen mit akustischen Halluzinationen zögern oft jahrelang, sich Fachleuten anzuvertrauen.

Jeder Zwanzigste hört Stimmen

Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass etwa jeder zwanzigste Mensch einmal im Leben eine solche Erfahrung macht, doch mit den häufig als Erklärungsmodellen bemühten Geistererscheinungen, übersinnlichen Fähigkeiten oder religiösen Offenbarungen hat das Stimmenhören nicht zwangsläufig zu tun. „Stimmenhören wird heute zunehmend als akzessorisches Phänomen der Schizophrenie gesehen, das bei dieser Krankheit vorkommen kann aber nicht muss. Unterschiedliche Hypothesen über die Ursachen betreffen Fehlschaltungen innerhalb verschiedener Wahrnehmungs- und Erkennungsbereiche im Gehirn bis hin zu Fehlern bei der Zuordnung von Gedanken und Impulsen zwischen innen und aussen“, so Katschnig. Die neurophysiologischen Befunde über Vorgänge im Gehirn des deutschen Psychiaters Prof. DDr. Manfred Spitzer zeigen auch, dass selbst bei „normalen“ Wahrnehmungen vieles selbstgemacht ist. Das Erlebnis Stimmenhören allein ist weder eine Krankheit noch bedarf es unmittelbar einer psychiatrischen Behandlung. Am sinnvollsten ist wohl – so Prof. Katschnig – „das Phänomen analog zum Depressivsein auf einer Skala zwischen gesund und krank anzuordnen.“

Ursache weitgehend unbekannt

Wie genau die inneren Stimmen entstehen, das wissen selbst Hirnforscher noch nicht. Gewiß ist jedoch, „dass uns das Gehirn allerhand vorspielen kann, schließlich erleben wir das ständig im Traum.“ Eine aktuelle Theorie besagt, dass es sich bei den vermeintlichen Stimmen um „Interpretationsfehler“ des Gehirns handelt: eigene Gedanken werden einer äußeren Quelle zugeordnet.

„Und genauso wie man diese Fehlinterpretation lernt, kann man sie auch wieder verlernen“, versichert Univ.-Prof. Dr. Michaela Amering, die sich unter anderem bei Forschungsaufenthalten in England intensiv mit dem Phänomen des Stimmenhörens befaßt hat

Was ist normal, was ist krank?

Ist Stimmenhören also „ganz normal“ oder doch krankhaft? Der Sozialpsychiater, Prof. Marius Romme von der Universität Maastricht hat darauf eine klare Antwort: „Die Tatsache, dass man Stimmen hört, die den Charakter einer Halluzination haben, ist normal. Krank und hilfebedürftig wird man, wenn die Stimmen Angst hervorrufen und man sich dadurch im Alltag behindert fühlt.“ Der niederländische Experte sieht die Stimmen an sich als eine Reaktion auf existentiell bedrohliche Erfahrung und als einen Versuch, ein existentielles Problem zu lösen. „Dies gilt für gesunde und krank gewordene Stimmenhörer. Bei den krank gewordenen Stimmenhörern hat die existentielle Problematik größere Konsequenzen für das alltägliche Funktionieren und die emotionale Entwicklung mit sich gebracht. Diesen Personen war es nicht möglich, eine Lösung für die Problematik zu finden“, so Prof. Romme, der dafür plädiert, im Rahmen der Hilfestellung auch danach zu fragen, woher die Stimmen kommen, was sie ausgelöst hat und was sie im Alltag triggert.

Psychotherapie als Bewältigungstechnik

Schritte in diese Richtung geht unter anderem die Psychotherapie, die in den letzten Jahren kognitive Erklärungsmodelle und -methoden entwickelt hat, um Betroffene bei der Bewältigung des Phänomens zu unterstützen: „Wesentlich ist dabei die Analyse der Inhalte dieser akustischen Wahrnehmungen und die Aufdeckung ihrer individuellen Bedeutung für die stimmenhörende Person. Eine positive Entwicklung ist zum Beispiel, wenn ein Stimmenhörer lernen kann, die Stimmen, welche sein Alltagsleben banal kommentieren, auf zwei Abendstunden zu begrenzen, und vorher und nachher Ruhe hat“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Michaela Amering von der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien.

In die Betreuung miteingeschlossen werden sollten im Fall einer Krankheit auch die Angehörigen von Stimmenhörern, die ebenso wie Betroffene selbst lange Zeit dazu tendieren, den Krankheitscharakter des Phänomens nicht wahrhaben zu wollen. Prof. Katschnig dazu: „Die Reaktionen der Angehörigen reichen von „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ über „Mitspielen zum Schein“, „ernsthaftes Mitspielen“ bis hin zum „Ablenken“ und zum Versuch, die Unmöglichkeit des Trugcharakters zu beweisen“.

Die Organisation pro mente Wien bietet die Möglichkeit, an einer speziellen Selbsthilfegruppe für Stimmenhörer teilzunehmen. Informationen: Tel. 01/513 15 30.

Linktipps:

– Stimmenhoeren.de

– Österreichische Schizophrenie-Gesellschaft
– Tourette-Syndrom

Kave Atefie





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