Warum die motorische Entwicklung bei Kindern so wichtig ist

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (10 Bewertungen, Durchschnitt: 3,90 Sterne von 5)

Motorik bei Kindern

Falsch verstandene Fürsorge sogenannter Helikopter Eltern, die sich (wie ein Beobachtungs-Hubschrauber) ständig in der Nähe ihrer Kinder aufhalten, um diese zu behüten, ist nur eine Ursache für ständig steigende Defizite in der motorischen Entwicklung von Kindern. Eine Folge sind steigende Unfallzahlen bei Freizeit- bzw. Sportaktivitäten mit teilweise letalem Ausgang bei Kindern und Jugendlichen. Sie verdeutlichen, dass sich Eltern und Pädagogen endlich der wichtigen Frage stellen müssen, wie sie Heranwachsende motorisch fit machen können.

Motorische Entwicklung bei Kindern – Artikelübersicht:

Kindheit heute und damals

Es ist gerade einmal 30 Jahre her, als Kinder noch relativ unbeaufsichtigt und frei durch Wälder, Felder oder in der Stadt durch die Straßen zogen und so ihre motorischen Fähigkeiten schulen konnten.

Heute zeichnet sich jedoch ein anderes Bild ab. Zwar gibt es immer mehr Aktivitäten und Möglichkeiten für Kinder sich zu betätigen und zu bewegen, doch die fast durchgehende Aufsicht durch Erwachsene nimmt überhand – Schlagwort ‚helicopter parents‘.

Ein beachtlicher Anteil der Kinder verbringt den Tag großteils sitzend. Haltungsschäden sind die eine Folge, eine erhöhte Unfallrate durch zu wenig ‚Übung‘ und Bewegung in freier Natur die andere.

Infolge dessen werden Eltern erst recht noch ängstlicher oder überhäufen die Kinder mit zahlreichen Freizeitaktivitäten, die zumeist aber keine freie Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Im Endeffekt kontraproduktiv, denn im sowieso schon durchgeplanten Alltag werden weitere Zeitfenster blockiert.

Was ist Motorik?

Motorik kann grob mit Bewegung umschrieben werden, genauer mit der Bewegungsfähigkeit eines Menschen. Unterschieden werden die Begriffe

– Grobmotorik: sie umfasst die Bewegungsfunktionen des Körpers, welche der Gesamtbewegung dienen (z.B. Gehen, Stehen, Laufen, Springen, Hüpfen usw.)
– Feinmotorik: sie umfasst die Bewegungsabläufe und Koordination der Gliedmaßen und wird auch als Hand-, Finger-, Fuß-, Zehen-, Gesichts-, Augen- und Mundmotorik bezeichnet.

Wesentliche Bestandteile der Motorik sind:

– Beweglichkeit
– Gleichgewicht
– Ausdauer und Kondition
– Kraft und Kraftdosierung
– Koordination und Körperbeherrschung
– Schnelligkeit und Reaktionsfähigkeit

Die Funktionstüchtigkeit und das Zusammenspiel unterschiedlicher Komponenten, wie etwa koordinative Fähigkeiten und konditionelle Grundeigenschaften bestimmen die Qualität der Motorik.

Was hat Bewegung mit Wahrnehmungsförderung zu tun?

Das kindliche Zentralnervensystem benötigt abwechslungsreiche Reize, um sich zu differenzieren und voll heranzureifen. Regelmäßige Bewegung bietet hierfür zahlreiche Gelegenheiten.

Wissenschaftliche Studien belegen, dass viel Bewegung die Entwicklung motorischer Fertigkeiten unterstützt und auch die Koordinationsfähigkeiten signifikant erhöht. Auf diese Weise erlangen Heranwachsende mehr physische Sicherheit und schulen gleichzeitig ihre Wahrnehmung.

Dabei kommen alle Sinne gleichermaßen zum Einsatz: Tastsinn, Hören, Sehen, Bewegungs- und Gleichgewichtssinn. Diese ganzheitliche, intuitive Förderung folgt natürlichen Entwicklungsrhythmen, wodurch insbesondere die emotionale, kognitive, motorische und psychische Entwicklung der Kinder unterstützt wird.

Zunächst werden in der frühen Kindheit bis zum Eintritt in die Schule wichtige Grundkompetenzen ausgebildet. Im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren finden wichtige weitere motorische Entwicklungsschritte statt. Genießen die Sprösslinge in diesem Zeitfenster ausreichend Gelegenheiten ihr Bewegungspotenzial auszutesten, erlernen sie mit spielender Leichtigkeit auch komplizierte Bewegungseinheiten.

Tabelle Motorische Entwicklung Kleinkinder

Motorische Entwicklung Kleinkinder Tabelle

Motorik ab dem 2. Lebensjahr (Auszug)

  • 2 Jahre: rennt zielsicher, umrundet Hindernisse und stoppt rechtzeitig, kann alleine Hände waschen und abtrocknen, blättert Buchseiten einzeln um
  • 3 Jahre: fährt Dreirad, zieht Schuhe (ohne Schnürsenkel), Unterhemd oder Hose selbst an
  • 3 1/2 Jahre: zieht sich unter Anleitung alleine an, springt beidbeinig 20 cm weit
  • 4 Jahre: macht Knöpfe problemlos zu, hält Stift korrekt mit drei Fingern
  • 5 Jahre: kann auf den Zehenspitzen sowie auf den Fersen vorwärts gehen, wischt sich nach dem Toilettengang selbst den Po ab, kann ohne Probleme alleine Treppen steigen – freihändig und mit Beinwechsel
  • 6 Jahre: geht auf den Zehenspitzen und auf den Fersen sicher rückwärts, kann mit Schere und Radiergummi umgehen

Teufelskreis Bewegungsmangel?

Sind diese bewegungsreichen Erlebnisse in der Kindheit nur eingeschränkt möglich, entstehen bedenkliche Defizite. Motorischer Bewegungsmangel führt zu Übergewicht, Kreislaufproblemen, Haltungsschwächen und -schäden.

Dadurch wiederum leiden Kinder unter mangelndem Selbstbewusstsein. Auch der Alltag in der Schule ist von ständiger Angst vor Misserfolgen geprägt und immer mehr geht die Freude an körperlichen Aktivitäten verloren und betroffene Kinder ziehen sich zunehmend zurück.

Genau dann beginnt das Unfallrisiko für Kinder exponentiell zu steigen, denn sie fühlen sich auf physischer als auch sozialer Ebene schnell überfordert wodurch erst recht wieder motorische Bewegung, Spiel und Sport gemieden werden. Ein Teufelskreis.

Schlussendlich bieten sich kaum mehr Gelegenheiten, sich selbst und die eigene Fähigkeiten auszuprobieren und so zu lernen. Oft entstehen dadurch bereits bei alltäglichen Aktivitäten kleine oder größere Unfälle, da es den Kindern an Erfahrungen, Muskelkraft und auch Geschicklichkeit mangelt.

Aktuell leiden mehr als 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis 15 Jahre unter bedenklichen Haltungsschäden. Rund 30 Prozent aller Grundschulkinder haben nicht mehr genügend Ausdauer zum Rennen und bis zu 50 Prozent der Kinder bis 10 Jahre benötigt professionelle motorische Förderung. Nicht zuletzt leidet rund ein Viertel der Kinder an Übergewicht (Adipositas). Alles Folgen der fehlenden motorischen Bewegung.

Förderung der Motorik

Kleine Kinder machen enorme motorische Fortschritte, doch jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Um sich all diese Fähigkeiten bis zur Einschulung anzueignen, brauchen sie ausgedehnte Erfahrungen. Und Erfahrungen sind nur möglich, indem ihm Freiraum, Zeit und Platz zum Bewegen eingeräumt wird. Die Entwicklung des Kindes wird gefördert, wenn es Dinge ungestört ausprobieren und erkunden kann. Der natürliche Forscherdrang des Kindes sollte nicht unterbunden werden. Es ist nicht hilfreich etwa Hindernisse aus dem Weg zu räumen, um dem Kind das Krabbeln zu erleichtern. Denn wie soll es dann lernen, Hindernisse zu überwinden. Dies betrifft übrigens auch die emotionale Ebene, denn Überbehütung macht unselbständig und bereitet das Kind nicht auf die Unbill des Lebens vor.

Der beste Weg die Motorik seines Kindes zu fördern ist, dass man Bewegung ermöglicht. Auch das Mitspielen von Erwachsenen motiviert Kinder zusätzlich, sich zu bewegen. Und man soll sich als Eltern der Vorbildwirkung bewusst sein. Wer selbst viel Sport treibt, wird das eigene Kind vermutlich auch anregen es nachzutun, jedenfalls aber zu probieren. Und nicht zu vergessen: Je älter das Kind wird, desto größer sollte auch das Bewegungsangebot werden.

Die kindliche als auch jugendliche Lebenswelt gehört neu strukturiert, ohne es zu übertreiben. Nicht immer muss es gleich ein spezielles Förderungsprogramm für eine perfekte motorische Entwicklung sein; vielmehr sollte das individuelle Lebensfeld im Alltag im Fokus der Betrachtung stehen.

Die besten Tipps

Wie kann ich die motorische Entwicklung meines Kindes fördern?

Tipp 1: Alltägliche Balance zwischen Kopf und Körper

Nicht immer ist es möglich, aktiv in den Tag zu starten. Oft ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit logistischen Hindernissen versehen. Folglich muss der PKW am Morgen unbedingt für den Weg in die Kita oder Schule zum Einsatz kommen. Auch am Heimweg dient oft das Auto als Transportmittel.

Umso aktiver sollte der letzten Teil des Tages gestaltet werden. Vielleicht ist vor oder nach dem Abendessen noch Platz für einen kurzen Spaziergang der Familie oder die Kinder können noch einmal ausgiebig in der Natur spielen und laufen? Dies kommt nicht nur der motorischen Entwicklung zugute, sondern vielmehr auch dem Spannungsabbau, wodurch der Nachtschlaf erholsamer werden kann.

Tipp 2: Motorisch aktiv durch das Wochenende

Je kopflastiger und motorisch langweiliger die Woche verläuft, umso aktiver sollte das Wochenende ausfallen. Dabei muss es nicht immer eine große Exkursion sein. Kinder genießen es auch, sich einmal ganz frei und unverplant nach Lust und Laune in der Natur zu bewegen. Wenn sie dies von klein auf gewohnt sind, fällt ihnen dies auch nicht schwer – Kinder sind phantasievoll!

Sollte schon eine gewisse Trägheit eingesetzt haben, helfen kleine Motivationsschübe seitens der Eltern. Vielleicht regen spannende Kletterbäume, ein neuer Spielplatz oder auch einfach ein neuer Ball an, sich auf neue Abenteuer einzulassen – oder man macht doch einen Ausflug und startet eine spannende Exkursion.

Tipp 3: Medienkonsum eingrenzen

Früher fand das Leben großteils draußen statt. Heute bieten TV rund um die Uhr und neue Medien vermeintliche Abwechslung. Das Angebot ist verlockend, und immer mehr Freizeit wird drinnen verbracht.

Kinder sollten aber vor allem am elterlichen Vorbild lernen, auch interessante Entdeckungsreisen im Freien zu genießen. Manchmal helfen auch hier kleine Tricks. Eine Idee: Am PC eine Schatzkarte entwerfen, um den Schatz schließlich im Garten oder Park zu suchen.

Ähnliche Aktivitäten gibt es auch in Social Communitys – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Eines ist jedoch sicher: Auf diese Weise muss Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen nicht mehr spezifisch thematisiert werden. Vielmehr kann man die digitale und die analoge Welt verknüpfen und die motorische Aktivität spielerisch in den Alltag integrieren.

———

Quellen:


Linktipps

– Wachstumsschmerzen bei Kindern und Jugendlichen
– Wie Digitalisierung die Kindheit verändert: digitale Kompetenz
– Haltungsschäden bei Kindern vorbeugen
– Rodopolise Jause – Übergewicht bei Kindern muss nicht sein

Das könnte Dich auch interessieren …